GSB 7.0 Standardlösung

"An Spätfolgen im Gehirn hat niemand gedacht."

Erich Grau - Ehemaliger Footballspieler
Erich Grau ist Gründungsmitglied der deutschen Football-Bundesliga. Er war der erste Quarterback der deutschen Nationalmannschaft und erreichte mit den Ansbach Grizzlies neun Endspiele in Folge. Mit 35 Jahren beendete er seine Karriere. Zehn Jahre später traten bei ihm erste körperliche Probleme wie z.B. Kopfschmerzen, Konzentrationsprobleme oder Vergesslichkeit auf. Im Interview erzählt er über seine Erfahrungen.

BISp: Das Thema Gehirnerschütterungen ist aktuell in den Medien sehr präsent. Wie war das damals bei Ihnen? Haben Sie sich damals Gedanken gemacht, dass häufige Kopfstöße negative Langzeitfolgen haben könnten?

Grau: Ganz im Gegenteil. Wir haben damals gezielt den Kopf zum Tackeln (Anm. d. Redaktion: Tackling bezeichnet das Stoppen des Ballträgers durch einen körperlichen Angriff) benutzt, um die relativ empfindlichen Knie oder die Brust der Gegner hart zu treffen. Ich kann mich bei mir an etliche orthopädische Probleme erinnern, an Rippenverletzungen, Schulterverletzungen oder Kreuzbandrisse, aber nicht an eine Kopfverletzung. Ich hatte nicht einmal Kopfschmerzen nach einem Spiel. An Spätfolgen im Gehirn hat damals niemand gedacht.


BISp: Glauben Sie, das Bewusstsein hat sich mittlerweile geändert?

Grau: In Deutschland ist, glaube ich, überhaupt noch kein Bewusstsein da.

BISp: Was könnte der Verband in ihren Augen besser machen?

Grau: Leider sind die genauen Ursachen von CTE (Anm. d. Redaktion: eine neurologische Erkrankung, die nach häufigen Schlägen auf den Kopf auftritt) nicht bekannt, und deswegen ist es schwierig, den Sport sicherer zu machen. Es gibt bereits viele Regeländerungen. Der Kontakt mit dem Helm wurde verboten und wird mittlerweile bestraft. Der Arzt der Jugendnationalmannschaft wird zitiert, dadurch habe man die Anzahl der Gehirnerschütterungen um 20% reduzieren können. Viele Spielsituationen kann man aber nicht verändern. Beispielsweise, wenn ein Spieler zu Boden fällt und mit dem Helm und Kopf aufkommt. Das passiert auch, wenn er mit dem Arm oder mit dem Shoulderpad getackelt wurde. Der knallt auf den Boden. Da kann man nichts verändern. Das ist einfach so. Ich glaube, Regeländerungen sind kosmetische Korrekturen, sie ändern nicht viel.

BISp: Sie haben gesagt, dass damals kein Bewusstsein für Spätfolgen vorhanden war. Wann haben Sie gemerkt, dass sich die Kopfstöße bei Ihnen eventuell negativ zusammenaddiert haben?

Grau: Die Erkenntnis, dass Football etwas damit zu tun hat, war reiner Zufall. Bei mir wurden die Nervenleitgeschwindigkeiten gemessen. Die sind bei mir relativ langsam geworden. Dem behandelnden Arzt habe ich geschildert, dass ich auch kognitive Einschränkungen habe. Der Arzt verglich mein Krankheitsbild mit dem Punch-Drunk-Syndrom (Anm. d. Redaktion: anderer Name für CTE), das man sonst nur von Boxern kennt. Das war im Herbst 2015. In den folgenden Wochen und Monaten habe ich viel recherchiert und bin Ende 2015 auf die Studie der Boston University sowie auf die wissenschaftlichen Arbeiten von Bennet Omalu zu CTE gestoßen. Die Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen Kopfstößen und späteren Folgeerkrankungen wie CTE.

Die ersten Probleme sind bei mir mit 45 Jahren aufgetreten, also genau zehn Jahre nach meiner Footballkarriere. Ich war als Lehrer tätig und eine meiner Stärken war, dass ich alle meine Schüler persönlich kannte. Plötzlich konnte ich mir in einer neuen Klasse die Namen nicht mehr merken. Ich kann mich an ein einschneidendes Erlebnis aus dieser Zeit erinnern: An einem Tag kam der Hausmeister mit zwei Handwerkern in meine Klasse und wollte die Heizung reparieren. Ich unterbrach den Unterricht für 10-15 Minuten. Als die Reparaturarbeiten erledigt waren, wusste ich gar nicht mehr, warum ich in diesem Zimmer stand. Der Wechsel von Unterricht zu Heizung und von Heizung zurück zum Unterricht hat nicht mehr funktioniert. Ich habe nicht einmal mehr gewusst, warum ich in diesem Klassenzimmer stehe. Das war der Zeitpunkt, an dem ich gemerkt habe, dass etwas nicht stimmt. Dieser Wechsel von unterschiedlichen Situationen ist auch heute noch einer meiner großen Schwachpunkte.

Zu dieser Zeit hatte ich auch sehr häufig Kopfschmerzen. Ich habe mir damals die Grenze bei zehn Aspirin pro Tag gesetzt. Diese Dosis hatte ich häufig um 11 Uhr morgens erreicht. Ich konnte keine Tafelanschriften mehr machen, da ich so viele Schreibfehler gemacht habe. Ich habe mir immer jemanden mit einer schönen Schrift rausgesucht, der die Stunde an die Tafel geschrieben hat. Ich musste mir immer Schlupflöcher suchen, damit es doch noch ging.

Grau Erich Grau
Quelle: Ulrike Grau

BISp: Wie war dann der Verlauf über die Jahre?

Grau: Nach den ersten Auffälligkeiten im Alter von 45 Jahren ist es kontinuierlich schlechter geworden. Es kamen schrittweise neue Probleme hinzu, bis ich schließlich zehn Jahre später in den Ruhestand versetzt wurde. Im letzten Jahr vor meinem Ruhestand hatte ich nur noch die Hälfte der Stunden. Ich hatte eine Stunde Unterricht, dann habe ich mich ins Erste-Hilfe-Zimmer gelegt, die Beine hochgelegt und bin eingeschlafen. Mit dem Gongschlag ist die Sekretärin reingekommen und hat mich für die nächste Stunde geweckt. Am Schluss habe ich die Klassenzimmer nicht mehr gefunden. Da haben mich meine Schüler im Lehrerzimmer abgeholt. Wahrscheinlich haben auch meine Gleichgewichtsprobleme damit zu tun. Ich bin in den letzten zwei Schuljahren häufig im Klassenzimmer gestürzt. Beim Mikroskopieren bin ich, nachdem ich ins Mikroskop geschaut habe, nach hinten umgestürzt und habe alle Mikroskope abgeräumt. Am Schluss habe ich sogar die schwefelige Säure fallen lassen. Von da an habe ich gefährlichere und giftigere Substanzen nicht mehr getragen.

Ich habe auch eine aggressive Phase durchlaufen müssen. Das war mir völlig wesensfremd. Diese Phase ist glücklicherweise vorbei. Im Alter von 50 Jahren bin ich in eine Gedächtnissprechstunde gegangen. Dort habe ich sehr viele Strategien gelernt, wie ich mit meinen Schwächen umgehen kann. Das hat mir sehr geholfen zu verstehen, warum manche meiner Emotionen so komisch und fremd sind. So konnte ich lernen, damit umzugehen.

Auch der Ruhestand mit 55 Jahren war eine ganz tolle Lösung für mich. Es hat immer noch vier bis fünf Jahre gedauert, bis ich aus diesem tiefen Loch rausgekommen bin. Ich war zweimal im Jahr auf neurologischen Rehas. Doch durch die Reduzierungen und Vereinfachungen im Leben ging es plötzlich wieder bergauf und seit zwei Jahren fühle ich mich klasse. Ich kann auch wieder Sport auf Wettkampfniveau machen.

BISp: Was wird in einer Gedächtnissprechstunde gemacht?

Grau: Begonnen haben wir damit, dass wir Hilfestellungen für die Namen meiner Schüler erstellt haben. Ich habe von allen meiner Schülern Fotos gemacht und über Eselsbrücken die Namen auswendig gelernt. Das ging ganz gut. Weiter haben wir ganz normale Gedächtnisübungen gemacht, wie z.B. sich eine Kette von Begriffen zu merken. Außerdem haben wir viele Tests gemacht, um herauszufinden, wo genau meine Schwächen liegen. Es wurde herausgefunden, dass ich in einigen Bereichen noch sehr leistungsfähig bin. Das haben wir in Strategien umgemünzt. Eine Strategie ist beispielsweise, dass ich relativ früh aufstehe, weil ich da sehr viel Ruhe um mich herum habe. Zu diesem Zeitpunkt mache ich Sachen, für die ich mich konzentrieren muss. Außerdem wurde ich dazu ermuntert, wieder mit dem Sport anzufangen.

Am allerbesten geholfen hat mir jedoch das Modell der selektiven Optimierung und Kompensation (Anm. d. Redaktion: SOK-Modell). Ich selektiere das, was ich noch kann oder machen möchte, für meinem Tag heraus. Bei mir sind das nur noch 20 Prozent von einem normalen Alltag. Aber das suche ich mir bewusst raus und optimiere es auf ein möglichst gutes Niveau.

Die Jahre, in denen ich die Gedächtnissprechstunde besucht habe, haben mich verändert. Ich war ganz unten und jetzt geht es mir wieder besser.

Grau Erich Grau Quarterback der Football Nationalmannschaft
Quelle: Ulrike Grau

BISp: Haben Sie für Ihre Kollegen einen Rat oder Tipps, die ihnen helfen, ihre Symptome zu lindern?

Grau: „Stay active, stay healthy and look after yourself!“. Das beschreibt es sehr gut. Ich versuche sehr gesund zu leben, sportlich zu leben, mich gut zu ernähren und um 21 Uhr gehe ich ins Bett. Ich schlafe trotzdem zehn bis elf Stunden. Zusätzlich mache ich jeden Tag einen Mittagsschlaf von ein bis eineinhalb Stunden. Das muss ich einfach machen. Ich möchte jedem den Rat geben, gut mit sich umzugehen. Ein ganz sauberer Tagesrhythmus ist auch ganz wichtig für mich sowie die Versorgung mit Nahrungsmitteln. Ich versuche nie in einen Unterzucker zu kommen, da rauszukommen ist nämlich sehr schwer für mich. Mir hilft außerdem die Reduzierung von Nebengeräuschen. Dual-Tasking oder Multi-Tasking kann ich fast gar nicht, aber isolierte Aufgaben sind noch gut machbar. Um Kaffee zu machen, habe ich beispielsweise einen Sechs-Punkte-Plan, den ich von oben nach unten abarbeite. Das habe ich in der Gedächtnisgesprächsstunde gelernt. Vorher habe ich bei jeder zweiten Kaffeemaschine etwas falsch gemacht. Manchmal habe ich vergessen, den Kaffee reinzumachen oder habe keinen Filter eingelegt, oder vergessen zuzumachen und alles ist daneben gelaufen. Jetzt weiß ich, ich kann die Kaffeemaschine nicht nebenbei machen. Ich muss die Kaffeemaschine ganz kontrolliert machen. Mein Plan sieht wie folgt aus: Erstens Wasser reinmachen, zwei, drei und vier sind Filter, Kaffee und Zumachen. Fünf ist Kanne reinschieben und bei sechs drücke ich den An-Knopf.

BISp: Würden Sie wieder Football spielen, wenn Sie damals gewusst hätten, was Sie jetzt wissen?

Grau: Das ist ein schönes Beispiel für meine Selektionsstrategie. Ich selektiere auch das, über was ich mir Gedanken mache. Hat es eine Auswirkung auf mein jetziges Leben oder nicht? Eine Frage wie „Was würden sie tun, wenn die Welt eine andere wäre?“, um die kümmere ich mich nicht, weil das für mein Leben keinerlei Auswirkung hat.

BISp: Einige Spieler beenden frühzeitig ihre Karriere, da sie Angst vor möglichen Spätfolgen haben. Meinen Sie, dass wir in Zukunft weitere Rücktritte sehen werden?

Grau: In der Regel reagiert die Gesellschaft auf derartige Erkenntnisse und mögliche Spätfolgen ganz schlecht. Sowohl emotional als auch rational. Bestes Beispiel ist das Rauchen. Obwohl man wusste, dass das Rauchen Lungenkrebs verursacht, hat es Jahrzehnte gedauert, bis das Nichtraucherschutzgesetz durchgesetzt wurde. Ich glaube nicht, dass sich da viel verändert. In den USA hängt viel Geld an Football und in Deutschland zumindest ganz viel Herzblut.

Ich persönlich habe für mich zwei Konsequenzen gezogen: Erstens müssen wir den Athleten die Gefahr der Spätfolgen deutlich machen, zum Beispiel durch solche Interviews. Mein Berufsleben war mit 55 Jahren absolut vorbei. Wenn ein gestandenes Mannsbild mit knapp über 50 nicht mehr in der Lage ist, einen Beruf wie Lehrer auszuüben, dann stimmt an der Situation etwas nicht. Da man jedoch die Ursachen von CTE noch nicht genau kennt, ist es schwer abzuschätzen, ob es reicht, am Spiel selbst etwas zu ändern. Ich denke, es reicht nicht, und deshalb ist meine zweite Konsequenz, dass ich keinerlei Spiele mehr besuchen werde, um ein Zeichen zu setzen wie Ernst diese Problematik ist.